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Herbularia
Das Online-Kräuterbuch
 
Die jungen Wilden
 
Jetzt im Frühjahr strotzen unsere Wildkräuter vor Kraft und Energie. Während so manche Zuchtschönheit erst zaghaft ihre Blätter aus der Erde schiebt, viele Bäume ihre Blätter noch fest verschlossen halten, scheinen die kalten Nächte und die oft unfreundliche Witterung den kleinen Kraftpaketen nichts auszumachen.
Noch unsere Großeltern, die sich nicht so ohne weiteres mit Gemüse rund ums Jahr versorgen konnten, wußten dieses frische Grün sehr zu schätzen. Viele Bräuche mit Pflanzen fallen auch in diese Zeit, der bekannteste ist die grünen Suppe bzw. Gründonnerstagssuppe. Ziel war es, neben der Verbesserung der Nahrungssituation sich auch diese unbändige Lebenskraft zu eigen zu machen. So soll eine Suppe aus mindestens 9 Wildkräutern an Gründonnerstag für Kraft und Gesundheit für das ganze Jahr sorgen. Aber auch die regelmäßige Verwendung in der Küche fördert ganz unrituell einen guten Start ins Frühjahr und hilft, die Frühjahrsmüdigkeit aus den Knochen zu bekommen. Aus der Fülle der in Frage kommenden Pflanzen will ich Ihnen einige vorstellen, die für eine eigene Suppe geeignet sind.
Eine typische Aprilblume ist der Löwenzahn (Taraxacum officinale). Er blüht zwar fast das ganze Jahr, hat aber jetzt seine Blütehochzeit. Ganze Wiesen überzieht er mit seinen gelben Blüten. Doch aufgepaßt:: gerade da, wo er so üppig blüht, sollte er nicht gesammelt werden. Er ist bei großen Vorkommen ein Stickstoffanzeiger und -sammler, d.h. er darf nicht auf den damit als überdüngt angezeigten Wiesen gesammelt werden! Für unsere Gesundheit hat er einiges zu bieten – er ist ein großes Leber- und Gallenheilmittel, hilft bei Nieren- und Blasenleiden und ist ein großer Entgifter. In vielen Rezepten zur Schwermetallentgiftung ist er enthalten. Er sorgt auch gleich für die Entsorgung der von ihm gelösten Schlacken. Seine Volksnamen wie Bettseicher oder Seichenwurzel und französisch „piss-en-lit“ erklären auch, wie dies geschieht... Seine Blätter kommen also als erstes in den Korb für unsere Suppe. Loewenzahn
Brennessel Als nächstes wenden wir uns an den Wegrand und sehen die jungen Triebe der Brennessel (Urtica dioica oder U. urens). Obwohl sie noch so jung sind, können manche schon ziemlich krätzig sein, deshalb sollte man beim Sammeln lieber Gartenhandschuhe tragen. Geerntet werden nur die jungen Triebe mit ca. 3 Blattpaaren, ältere Exemplare sind u.U. zu faserig. Beim Kochen werden die Brennhaare zerstört und einem ungestörten Eßvergnügen steht nichts mehr im Wege. Ihre Tugenden sind zahlreich, die Brennessel ist ein kleines Universalheilmittel. Am bekanntesten ist sie als Blutreiniger und damit auch als wichtiges Gichtmittel, hilft Niere und Blase und erhöht auch hier die Ausscheidungsmenge, wodurch Wassereinlagerungen im Gewebe deutlich gemildert werden können. Haut und Haare, Leber, alle Stoffwechselvorgänge uvm. profitieren von dem oft verächtlich als „Unkraut“ bezeichneten Gewächs, daß sich so trefflich zu wehren weiß. Und auch die Liebe kommt nicht zu kurz – später im Jahr kann der bereits durch die Grünkur gestärkte Mensch die Samen als Aphrodisiakum sammeln. Und wer Schmetterlinge mag, sollte in seinem Garten wenn möglich einige Pflanzen stehen lassen, da sie u.a. die Kinderstube des Tagpfauenauges sind.
Das Gänseblümchen (Bellis perennis) wird dagegen im Allgemeinen und von Kindern im Besonderen geliebt – außer man ist ein Fan von Englischem Rasen. Gerade macht es sich nämlich besonders gerne breit. Es ist ein sanftes, völlig ungiftiges Geschöpf. Doch viele erschrecken bei dem Gedanken, die Blüten z.B. auf einem Butterbrot zu verspeisen. Deshalb kommen die Blüten und Blätter erstmal zur Gewöhnung in unsere Suppe. Neben einer allgemein stoffwechselanregenden und blutreinigenden Wirkung ist es eine exzellente Hautheilpflanze und kann bei Ausschlägen, Akne und Wunden gute Dienste leisten. Sein freundliches Wesen überträgt sich auch auf uns und läßt uns so manche Dinge freundlicher und gelassener angehen. Gaensebluemchen
Schluesselblume Eine Frühlingsbotin, die uns den Frühling aufsperrt, ist die Schlüsselblume (Primula veris, P. elatior). Doch gleich vorweg gesagt – nur wer einen Garten hat, darf sie sammeln, da sie in den meisten Gegenden geschützt ist, manchmal darf man auch ein Handsträußchen sammeln, die Wurzel ist immer tabu. Daher muß man sich zum Schutze der Natur immer vor dem Sammeln erkundigen! Laut Sage soll sie sogar himmlischen Ursprungs sein – Petrus ließ den Himmelsschlüssel auf die Erde fallen, da, wo er aufkam, entsprang die Schlüsselblume. Sie soll mit ihrer Blütenform an einen mittelalterlichen Hohlschlüssel erinnern. Ihre Mitgift sind Hilfe bei hartnäckigem Husten und Bronchitis, sie wirkt als Nervenbalsam und lindert Kopfschmerzen und Migräne.
Bärlauch (Allium ursum) soll uns Bärenkräfte verleihen. Seine Verwandtschaft zum Knoblauch kann er nicht leugnen. Bereits bei Berührung strömt uns sein Knoblauchduft entgegen. Dadurch läßt er sich auch eindeutig gegenüber den giftigen Maiglöckchen und Herbstzeitlosen abgrenzen, die eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Bärlauchblatt haben, aber nicht das köstliche Aroma. Vor der Blüte gesammelt, wirken die Blätter stoffwechselanregend, blutreinigend, blutdruckausgleichend, pilz- und keimtötend, herz- und gefäßtonisierend, antisklerotisch uvm. Er sollte möglichst frisch verspeist werden, kommt also erst ganz zum Schluß in unsere Suppe. Baerlauch
Nun könnte man noch lange weiter schreiben. Es gibt noch so viele wichtige und gesunde Wildkräuter, die jedoch meist abschätzig als Unkraut oder neudeutsch „unerwünschtes Beikraut“ bezeichnet werden.
Deshalb eine kleine Auswahl auch für die Küche: Birke, Brunnenkresse, Giersch, Gundermann, Huflattich, Klettenlabkraut, Lungenkraut, Sauerampfer, Schafgarbe, Scharbockskraut, Schlehe, Taubnessel, Vergißmeinnicht, Veilchen, Vogelmiere, Waldmeister, Wiesenschaumkraut.

Abschließend noch ein Rezept für eine Dinkelsuppe mit Grünkraft:
1 kleingehackte Zwiebel
100g Grünkernmehl
1l Gemüsebrühe
1/4l Sahne
Pfeffer, Muskat
etwas Butter
1-2 Handvoll kleingehackte „junge Wilde“
Zwiebel in der Butter glasig dünsten, Grünkernmehl kurz mit anrösten und mit Brühe auffüllen. 10 Min. köcheln lassen, Sahne und Kräuter dazu, kurz aufkochen lassen und mit den Gewürzen abschmecken.
Das Ganze kann bei Bedarf mit einem uralten Kräuterspruch abgerundet werden – einem gesunden Start ins Frühjahr steht nun nichts mehr im Wege!

  Angelsächsischer Kräutersegen
Nun haben diese neun Kräuter Macht
gegen neun böse Geister
gegen neun ansteckende Krankheiten
gegen das stinkende Gift
gegen das wütende Gift
gegen das gelbe Gift
gegen das grüne Gift
gegen das dunkle Gift
gegen das braune Gift
gegen das purpurne Gift
gegen Wurmblattern
gegen Giftblattern
wenn irgendein Gift kommt von Osten geflogen
oder irgendeins von Norden kommt
oder irgendeins von Westen über die Menschheit.
(11.Jhd., Wessex)
 
 
 
copyright Karin Malke, April 2002
 
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